Alle nachfolgenden Informationen sind Inhalte der Examensarbeit “Lernfelder der Zirkuspädagogik – Möglichkeiten und Grenzen” von Jens Fissenewert. Bei weiterem Interesse sei ein Blick in das zugehörige Literaturverzeichnis (pdf) empfohlen.
Dass motorische Schulung in der zirkuspädagogischen Praxis stattfindet, liegt, gerade mit Blick auf die zirzensischen Disziplinen der Akrobatik, Äquilibristik und der Hand- und Fußgeschicklichkeiten, auf der Hand. „Die Zirkuskünste stellen mit ihrer Vielfalt eine wertvolle Erweiterung der klassischen Sportarten dar“ (Ballreich und Lang, 2007, 32). Diese Vielfalt ist es, die in der Literatur immer wieder aufgegriffen wird und eine klare Beschreibung der motorischen Lernziele umso schwieriger macht. Um die Darstellung dieser unterschiedlichen Bewegungsherausforderungen besser voneinander abgrenzen zu können, sollen im Folgenden verschiedene, oft genannte motorische Lernfelder aufgeführt werden. Dabei ist anzumerken, dass sich die Disziplinen in Bezug auf ihre motorischen Lernfelder oft überschneiden können, so ist die Gleichgewichtsschulung beispielsweise ebenso in der Äquilibristik wie auch in der Akrobatik von Relevanz. Jede Möglichkeit des motorischen Lernens in verschiedenen Kontexten kann dementsprechend nicht berücksichtigt werden, es werden nur die auffälligsten Zusammenhänge angeführt.
Generell wird durch die Betätigung in den verschiedenen Zirkusdisziplinen die „Entwicklung spezifischer Bewegungsabläufe geschult“ (Engelmann-Pilger, 2007, 37). Schlagworte wie Kraft, Körperspannung und Beweglichkeit werden dabei meist im Bewegungsfeld der Akrobatik verortet (vgl. Kelber-Bretz, 1999, 243). Christel betont die „zentrale Rolle“ (Christel, 2009, 97) der Kraftfähigkeit in der Akrobatik, da diese die einzige Disziplin sei, bei der Krafteinsätzen eine so bestimmende Rolle zukomme. Busse und andere Autorinnen führen zudem die Gleichgewichtsschulung auf, die in Akrobatik und Äquilibristik eine tragende Rolle spiele (vgl. Busse, 2007, 65 / Vorderstemann, 2008, 16). Im Bereich der Jonglage stehen die Auge-Hand-Koordination und die manuelle Geschicklichkeit im Vordergrund. „Die zahlreichen Spielformen fordern von ihnen [den Teilnehmerinnen] nicht nur das Erlernen koordinativer Fähigkeiten, sondern sie unterstützen ihr soziales Lernen und schulen ihre Wahrnehmungsfähigkeiten“ (Oberschachtsiek, 1999, 20).
Ward zeigt anhand seiner Studie zum Zirkustraining von Kindern und Jugendlichen, welche Konsequenzen regelmäßige Betätigung im zirzensischen Bereich auf die motorischen Fähigkeiten hat. In zwei unabhängigen Tests untersuchte er die Auswirkungen eines sechs-wöchigen Trainings (drei Stunden pro Woche) im Bereich der Äquilibristik und der Hand- und Fußgeschicklichkeiten. Die Kontrollgruppe hatte in dieser Zeit keinen Zugang zu zirzensischen Bewegungsfeldern. Durch Tests zur Einstufung der manuellen Geschicklichkeit und der Auge-Hand-Koordination vor und nach dieser Trainingsphase sollten die Ergebnisse transparent gemacht werden. Eine komplette Darstellung der Ergebnisse ist an dieser Stelle weder möglich noch sinnvoll. Zusammenfassend macht Wards Untersuchung jedoch deutlich, dass die Kinder und Jugendlichen aus der „Zirkusgruppe“ ihre Fähigkeiten in den genannten motorischen Bereichen um ein vielfaches stärker entwickelt hatten als die Kontrollgruppe (vgl. Ward, 2000, 63ff.).
Ward ist in diesem Zusammenhang der einzige Autor, der konkrete, messbare Ergebnisse präsentieren kann. Eine Reihe von anderen Autorinnen haben jedoch in ihrer zirkuspädagogischen Praxis ähnliche Beobachtungen gemacht. „Durch ein gutes, ausgewogenes zirzensisches Training ist langfristig sicherlich eine Steigerung der motorischen Kompetenz […] möglich“ (Behrens, 2007, 10). Christel setzt sich in seiner Veröffentlichung allein mit den Möglichkeiten der Zirkuspädagogik in Bezug auf das motorische Lernen auseinander (Christel, 2009). Eigene Beobachtungen zeigen, dass Grundlagen in den Bereichen der Akrobatik und der Hand- und Fußgeschicklichkeiten wesentliche Vorteile in Bezug auf die körperlichen Voraussetzungen bei vielen anderen Sportarten mit sich bringen können. Gaal führt weiterhin die „Entwicklung von Reflexen“ (Gaal, 1994, 15) in den Disziplinen Einrad, Akrobatik und Jonglage auf.
Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die Präsentation der Zirkuskünste. Elemente wie „Körperausdruck, Mimik und Gestik“ (Behrens, 2007, 10) im Hinblick auf ihre Wirksamkeit auf der Bühne können ebenso mit unter die hier beschriebenen Kategorie gefasst werden.
Die Darstellung der motorischen Lernfelder in der Zirkuspädagogik könnte an dieser Stelle noch weiter ausgeführt werden, da sich entsprechend der verschiedenen Disziplinen und ihrer unzähligen Kombinationsmöglichkeiten immer wieder neue Felder der Motorikschulung aufzeigen lassen. Festhalten lässt sich, dass die Zirkuspädagogik eine Reihe von hervorstechenden und eine Vielzahl von weiteren motorischen Lernzielen bietet, die hauptsächlich den Bereich der Akrobatik, Äquilibristik und der Hand- und Fußgeschicklichkeiten betreffen.