Psychische Lernziele

Alle nachfolgenden Informationen sind Inhalte der Examensarbeit “Lernfelder der Zirkuspädagogik – Möglichkeiten und Grenzen” von Jens Fissenewert. Bei weiterem Interesse sei ein Blick in das zugehörige Literaturverzeichnis(pdf) empfohlen.

„Die attraktivste und billigste Möglichkeit zur Befriedigung der kindlichen Suche nach Thrill und Nervenkitzel ist zweifelsohne der Kinderzirkus“ (Kiphard, 1997, 16). In welchem Maße man Kiphards Behauptung zustimmen mag, sei dahingestellt, die Auseinandersetzung mit der Vielseitigkeit der zirzensischen Disziplinen und die Präsentation vor einem Publikum ist für viele junge Artistinnen jedoch ein spannendes Erlebnis. „‚Erlebnis‘, ‚Abenteuer‘ und das bewusste Ausreizen der persönlichen Risikobereitschaft [sind] ganz entscheidende Bestandteile“ (Rieder und Hertel, 1994, 97).

Dieser Thrill ist dabei auch den eher risikoarmen Disziplinen nicht abzusprechen. Eine Jonglage mit vier Bällen oder das Fahren auf einem Einrad kann für viele Kinder und Jugendliche ebenso spannend sein wie hohe Menschenpyramiden oder das Spiel mit Feuer. Gerade im Zusammenhang mit dieser kontrollierten Form von Nervenkitzel ergeben sich automatisch Situationen, in denen sich die Teilnehmerinnen mit ihren Ängsten, mit Frustation und Enttäuschung, aber auch mit Erfolg und Selbstbestätigung auseinandersetzen müssen (vgl. Behrens, 2007, 10), die „Chance für einen konstruktiven Umgang mit dem Bedürfnis nach Spannung, Grenzerleben oder aber Kontemplation“ (Bähr, 2008, 6) ist sachimmanent.

Besonders das eigene Selbstwertgefühl kann durch diese Konfrontation erheblich gesteigert werden, wie Busse und Kohne bemerken: „Jedes Gelingen einer Übung stärkt dabei das Selbstbewusstsein und gibt Kraft“ (Busse, 2007, 64). „Immer wieder bin ich von den Auftritten der Circusprojekte und ihrer Wirkung auf den Selbstwert der Artisten überrascht“ (Kohne, 2005, 156).

Ammen beschäftigt sich in ihrer Publikation mit „Zirkuspädagogik als erlebnispädagogisches Moment“ (Ammen, 2006, 30) und setzt sich detailliert mit dieser Wirkungsweise auseinander.

Die Vielzahl der zirzensischen Disziplinen rückt bei manchen Bereichen der psychischen Lernfelder eher in den Hintergrund, da die gemeinsame Präsentation alle Bereiche mit einschließt. Gaal betont in diesem Zusammenhang die Steigerung „des Selbstbewusstseins und der Selbstsicherheit“ (Gaal, 1994, 15). Auch kann Zirkus für Kinder und Jugendliche als Schutzraum fungieren, da sich ihnen hier eine eigene, aus dem Alltag herausgelöste Welt bietet, in der sie ihre Sorgen und Ängste frei artikulieren können (vgl. Killinger, 2007, 101).

Alle Zirkuskünste lassen sich ebenso unter dem Blickwinkel etwas Besonderes können dem oben erwähnten Bereich des Selbstwertes zuordnen. Auch außerhalb der Zirkusinitiative haben Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, mit ihren erworbenen Kenntnissen Beifall und Anerkennung zu bekommen und werden sich ihrer außergewöhnlichen Fertigkeiten bewusst.

Akrobatik, wenn nicht gerade alleine ausgeführt, kann nur funktionieren, wenn sich die Partnerinnen gegenseitig vertrauen. Zudem muss die Nähe des jeweils Anderen akzeptiert werden, damit akrobatische Kunststücke überhaupt möglich werden. Die unterschiedlichsten Menschen können so zusammen ein Kunststück vorführen, wenn sie zusammen die Verantwortung tragen. „Daß derjenige, der sich gerne anklammert, jemanden hält und derjenige, der das Risiko sucht, Rücksicht nehmen muß, ist pädagogisch außerordentlich wertvoll“ (Ballreich, 1997, 24).

In der Rolle des Clowns lernen Kinder und Jugendliche „offen zu werden für die Töne, die Farben, und Formen, die Gegenstände, das Schmecken und Riechen, die eigenen Bewegungen“ (Ballreich und Lang, 2007, 39). Um in die Clownrolle zu schlüpfen, müssen die jungen Artistinnen lernen, sich unvoreingenommen und fantasievoll den alltäglichen Gegenständen und Situationen zu nähern. Ballreich und Lang weisen darauf hin, dass eine solche „Herangehensweise […] entscheidend dazu beitragen [kann], wie die Herausforderungen im späteren Leben angenommen und gemeistert werden“ (ebd., 41).