Zur Zirkuspädagogik

Alle nachfolgenden Informationen sind Inhalte der Examensarbeit “Lernfelder der Zirkuspädagogik – Möglichkeiten und Grenzen” von Jens Fissenewert. Bei weiterem Interesse sei ein Blick in das zugehörige Literaturverzeichnis (pdf) empfohlen.

Die erste dokumentierte zirkuspädagogische Arbeit leistete, lange bevor es einen Überbegriff für diese Art von Pädagogik gab, Pater Flanagan im Jahr 1917 in den USA. Auf seiner Farm in Nebraska versammelte er Jungen, die „nach dem ersten Weltkrieg elternlos herumzogen […], die auf die schiefe Bahn geraten waren oder schlicht aus Not der Eltern bei ihm abgegeben wurden“ (Busse, 2007, 52). In einer finanziell schwierigen Lage entwickelte Flanagan die Idee eines Kinder- und Jugendzirkusses, um sein Projekt über die Aufführungen finanzieren zu können. Obwohl diese Hoffnung scheiterte, hatte Flanagan es geschafft, dass sein Projekt Boys-Town weit über die Grenzen Nebraskas bekannt geworden war. „Die Notsituation von Boys-Town lässt sich damit als die Geburtsstunde der Kinderzirkusbewegung bezeichnen“ (ebd., 52 / Bardell, 1992, 10).

In Europa gründete Padre Silva im galizischen Spanien 1965 den Kinder- und Jugendzirkus Los Muchachos, ebenfalls mit dem Hintergrund, seine verschiedenen pädagogischen Projekte finanzieren zu können. Silva war jedoch erfolgreicher als Flanagan und konnte eine eigene Zirkusschule eröffnen und die Ausbildung durch spanische und ausländische Künstler garantieren (vgl. Busse, 2007, 52f. / Kieromin, 2004, 22). Los Muchachos traten bald in Nordspanien, dann auch außerhalb des Landes auf und machten Pater Silvas Zirkusprojekt weltweit bekannt (vgl. Busse, 2007, 52).

Ob nun diese beiden Urformen von Kinder- und Jugendzirkus als die ersten Beispiele von Zirkuspädagogik angesehen werden können, ist fraglich. Ammen betont, dass bei den beiden hier beschriebenen Zirkusprojekten pädagogische Ziele nur in Ansätzen verfolgt wurden. Die Orientierung an der echten Zirkuswelt stand im Vordergrund, da durch die Auftritte Geld gesammelt werden sollte (vgl. Ammen, 2006, 34). Killinger stellt Pater Silvas Los Muchachos dagegen „in einen sozialpädagogischen Kontext“ (Killinger, 2006, 12), Zacharias sieht sowohl in Flanagans als auch in Silvas Zirkusarbeit ein „anspruchsvolles pädagogisches Projekt“ (Zacharias, 2000, 20). In welchem Maße Flanagan und Silva wirtschaftliche und pädagogische Interessen wirklich verfolgten, lässt sich nicht rekonstruieren. Unabhängig davon ist entscheidend, dass sie den Grundstein für eine neue pädagogische Richtung gelegt haben.

Einig sind sich die Autorinnen bei dem 1949 von Frau Last-Ter Haar gegründeten Circus Elleboog aus Holland. Last-Ter Haar betriebt in den dreißiger Jahren ein Kinder- und Jugendtheater und begann, durch die artistischen Fähigkeiten eines Teilnehmers inspiriert, akrobatische Elemente in ihre Aufführungen einzubauen. Pädagogische Ziele standen hier im Vordergrund, „milieugeschädigte und verwahrloste Kinder“ (Keriomin, 2004, 22) sollten durch das Austesten von kontrollierten Gefahren im Themenfeld Zirkus eine sinnvolle Beschäftigung finden (vgl. Ebd., 22 / Zacharias, 2000, 20 / Stier, 1987, 14ff).

Die unzähligen Folgeprojekte aufzulisten würde an dieser Stelle eher verwirren als ein klares Bild der zirkuspädagogischen Entwicklung ergeben. Mit den drei hier aufgeführten Kinder- und Jugendzirkusprojekten soll vielmehr beispielhaft der Anfang einer pädagogischen Richtung verdeutlicht werden, die den Zirkus als neues Medium entdeckt hat. Allerdings war das, was Last-Ter Haar und andere für ihre Projekte entdeckt haben, ein so junges und randständiges Feld, dass es für die damalige pädagogische Forschung noch von geringem Interesse war.

Manche Zirkuskünste, wie beispielsweise die Äquilibristik und die Hand- und Fußgeschicklichkeiten lösen sich in den siebziger Jahren vom Zirkus und finden den Weg in die Straßenkunstszene. In ihrer Freizeit lernen einige Jugendliche Einrad fahren oder Jonglieren, zirzensische Künste werden erstmals im Sportfernsehen präsentiert, stehen aber nicht im Focus der Programme (vgl. Ammen, 2006, 35).

Erst Kiphard, der Begründer der Psychomotorik, setzt sich Anfang der achtziger Jahre erstmals mit der „pädagogische[n] Nutzung zirzensischer Aktivitäten und Clownpraktiken“ (Kiphard, 1984, 65) auseinander (vgl. Kiphard, 1982, 143ff. / 1984, 65ff.). 1983 werden erste Fortbildungs-lehrgänge unter dem Titel der Zirkuspädagogik angeboten, Stuttgarter Sportstudentinnen haben zudem erstmals die Möglichkeit, das Wahlfach Artistik zu belegen (vgl. Engelmann-Pilger, 2007, 28). Von diesem Zeitpunkt an greift die Faszination Zirkus um sich. Reformfreudige Lehrerinnen binden die zirzensischen Disziplinen in ihren Sportunterricht mit ein, Zirkus-AGs an Schulen entstehen, die Pädagoginnen verschiedenster Richtungen (vgl. Kiphard, 1997, 15) greifen das neue Medium in ihren Publikationen auf.

Die jährlich statt findende europäische Jonglierconvention verzeichnet stark ansteigende Besucherzahlen. Nachdem laut Angaben der European Juggling Association 1978 nur elf Teilnehmerinnen an einem Wochenende in Brighton zusammenkamen, sind es zehn Jahre später in Bradford bereits 1000. Die Besucherzahlen des neuen Jahrtausends schwanken je nach Austragungsort zwischen 2200 (Bremen) und 5300 (Karlsruhe) Besuchern und machen die Veranstaltung damit zum größten Jonglierfestival weltweit.

Gerade in den neunziger Jahren kann von einem wahren Zirkus-Boom gesprochen werden. „Verein- und Betriebsjubiläen strecken sich immer mehr nach guten Hobbyartisten“ (Grabowiecki, 1997, 31), Zirkusse und Varietés erfreuen sich steigender Beliebtheit. Die Zirkuspädagogik hat an Ansehen gewonnen und bedarf keiner Rechtfertigung mehr im pädagogischen Diskurs. Die Zahl der Jonglierläden (in denen sich auch Equipment für andere zirzensische Disziplinen erstehen lässt) ist mittlerweile in den dreistelligen Bereich gestiegen, Grabowiecki spricht von über 150, mittlerweile sind es sicherlich wesentlich mehr (ebd., 31).

Im Zuge dieser Entwicklung kommt es ab 1994 zur Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Zirkuspädagogik Baden-Württemberg, weitere Bundesländer folgen. Nach mehreren Jahren länderinterner Vernetzungsarbeit gründen im Jahre 2005 Vertreterinnen aus 15 Bundesländern in Berlin die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Zirkuspädagogik. Ziel der BAG ist „die Förderung der Zirkuspädagogik, insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe und –bildung, der Erwachsenenbildung und die Förderung von Zirkus als eigenständige Kunstform“ (Hömberg & Köckenberger, 2007, 86). Genauere Informationen zur Bildung und Geschichte der LAGs und der BAG Zirkuspädagogik sollen im Kontext dieser Arbeit nicht dargestellt werden, da diese für die hier untersuchte Fragestellung keine Relevanz haben.

Die Zirkuspädagogik ist durch die bundesweite Vernetzung zwar populärer geworden und in pädagogischen Kreisen anerkannt, dennoch gibt es immer noch Probleme für die Organisation vieler Kinder- und Jugend-zirkusinitiativen. Auf Ebene der Schulverwaltung ist der pädagogische Nutzen längst noch nicht Konsens, die Finanzierung von Projekten bereitet demnach häufig Schwierigkeiten. Die Entwicklung, die in den siebziger Jahren begann, hat immer noch nicht zur vollständigen Etablierung dieser alten/neuen Pädagogik geführt.